Feldreise nach Biel: Was lokale Ernährungssysteme zum Wachsen brauchen

Wie können regionale Ernährungssysteme gestärkt und weiterentwickelt werden? Mit dieser Frage im Gepäck machte sich der RegioFood Hub am 19. Juni gemeinsam mit Stadt Ernähren Biel und einer Gruppe von Gestalter:innen regionaler Ernährungssysteme aus Zürich, Basel und Bern auf den Weg durch Biel.

Stadt ernähren ist ein Bieler Netzwerk, das Akteur:innen rund um Anbau, Verarbeitung und die Verteilung von Lebensmitteln zusammenbringt. Es bietet eine Plattform für Wissensaustausch und die gemeinsame Entwicklung eines lokalen und nachhaltigen Ernährungssystems. Gegründet wurde das Netzwerk von Mathias Stalder, der sich für soziale und ökologische Transformationsprozesse engagiert. Stadt Ernähren Biel hat auch erfolgreich politische Vorstösse eingebracht. Petition: Biel wird essbare Stadt.

Unsere erste Feldreise führte uns zu Menschen und Projekten, die auf ganz unterschiedliche Weise an einem lokalen Ernährungssystem arbeiten: auf dem Acker, im Gemeinschaftsgarten, mit Wildpflanzen, im Quartierladen oder bei der Verarbeitung geretteter Früchte.

Terrain Gurzelen: Lebensmittelproduktion mitten im Zwischennutzungsareal

Foto: Mascha Theiler

Unsere erste Station war das Terrain Gurzelen, eine Zwischennutzung auf dem Gelände des ehemaligen Bieler Fussballstadions. Seit rund zehn Jahren hat sich hier ein vielfältiger Ort entwickelt, an dem Kultur, Gastronomie, Gemeinschaft und Lebensmittelproduktion aufeinandertreffen.

Mit dem Projekt 20x20-Acker werden auf rund 400 Quadratmetern Gemüse, Kräuter, Getreide, Beeren und Obst angebaut. Drei unterschiedliche Parteien bewirtschaften klar zugeteilte Flächen: Marcel mit seiner Beeren- und Obstlandschaft, Pascou und Gregor mit Du champs à l’assiette sowie Janosch und Georges von langSamer.

Ganz nach dem Motto «aus Gurzelen für Gurzelen» wird ein Teil der angebauten Lebensmittel direkt auf dem Areal weiterverwendet. Wie etwa für den Mittagstisch im Salon Gurzelen oder die Crêperie, für die auf Wunsch Rucola angebaut wurde. Zu Beginn der Saison sprechen sich die Beteiligten ab, wer welche Kulturen anbaut. Das direkte Zusammenspiel zwischen Anbau und Verarbeitung ist ein wichtiger Teil der Motivation hinter dem Projekt. Gleichzeitig zeigte sich im Gespräch ein Thema, das uns auf der Feldreise noch mehrfach begegnen sollte: Planungssicherheit ist für kleine Produktionsprojekte entscheidend. Verbindliche Abnahmen – ähnlich dem Prinzip einer solidarischen Landwirtschaft – könnten kleinen Strukturen mehr Stabilität geben.

Auch der Boden selbst erzählt eine Geschichte. Wo früher Stadionrasen lag, ist der Untergrund heute noch sandig und weich. Um langfristig fruchtbaren Boden aufzubauen, wird mit Kompost, Mulch und Gründüngung gearbeitet. Roggen und Wicke helfen dabei, den Boden zu beleben und weiterzuentwickeln.

langSamer: Gemüsebau als sozialer Raum

Foto: Mascha Theiler

Direkt auf dem Terrain Gurzelen lernten wir auch langSamer näher kennen. Der Verein bewirtschaftet seit 2021 einen rund 1'000 Quadratmeter grossen Garten. Angebaut wird vor allem einjähriges Gemüse, mit einer grossen Vielfalt an Kulturen über das gesamte Jahr hinweg.

Beliefert werden fünf Restaurants und das Biolädeli Batavia (mehr dazu weiter unten). Die Lieferungen zu den Restaurants erfolgen mit dem Fahrrad. Auch hier beginnt die Zusammenarbeit nicht erst bei der Ernte: Gemeinsam mit den Restaurants wird zu Jahresbeginn besprochen, was angebaut werden soll. Die Restaurants verpflichten sich anschliessend, das Gemüse aus den für sie vorgesehenen Beeten abzunehmen.

Der Garten schafft einen offenen sozialen Raum, in dem Menschen über das gemeinsame Tun zusammenfinden. Hier wachsen Menschen und Pflanzen zusammen.

Doch langSamer ist weit mehr als ein Gemüsebaubetrieb. An drei Tagen pro Woche kommen Menschen in den Garten, die aus ganz unterschiedlichen Gründen mitarbeiten. Das Angebot richtet sich an Menschen in einer vorübergehenden Lebenskrise, Menschen mit einer psychischen oder sozialen Beeinträchtigung, Menschen, die auf der Suche sind. Der Garten bietet ihnen die Möglichkeit, mit dem Boden Verbindung aufzunehmen, etwas Ruhe und neue Orientierung zu finden. 

Janosch, ausgebildeter Sozialarbeiter, erzählt uns, dass sich pro Einsatztag zwischen zehn und zwanzig Personen beteiligen. Die Gründe, weshalb sie kommen müssen nicht erklärt werden, da bewusst kein Leistungsvertrag mit sozialen Institutionen besteht. Dies hat mehrere Vorteile: Die Menschen werden nicht verpflichtet, sondern sie werden willkommen geheissen. Und für langSamer hat es den Vorteil, dass es den administrativen Aufwand massiv reduziert und sie sich auf die eigentliche Arbeit konzentrieren können. Die rund 10-20 Menschen pro Tag, die das Angebot nutzen, erhalten einen kleinen Spesenersatz. George und Janosch arbeiten mit viel Leidenschaft für das Projekt, was sich spüren lässt. Die beiden Arbeitsstellen des Projekts werden derzeit über Stiftungen und soziale Institutionen auf Spendenbasis finanziert. Dies reicht gerade so, um die minimalen Kosten für den Betrieb zu decken. Die Einnahmen aus dem Gemüseverkauf decken die Kosten für Geräte und Miete. Arbeit gäbe es genügend, finanziell müsste aber mehr Geld reinkommen, um Personal aufzustocken. Wer das Projekt unterstützen möchte, kann dies auch mit privaten Spenden machen. Mehr Informationen auf der Homepage.

LangSamer zeigt eindrücklich, wie mit wenigen Ressourcen viel bewegt werden kann und dass der Wert eines Ernährungsprojekts weit über die Menge des produzierten Gemüses hinausgehen kann. Lebensmittelproduktion kann gleichzeitig Bodenpflege, Begegnungsraum, sinnvolle Tätigkeit und Gemeinschaft sein.

Waldmeisterin: Die essbare Vielfalt vor unserer Haustür

Foto: Mascha Theiler

Mitten in Biel, in der Nähe des Stadtparks, erwartete uns eine kleine Biodiversitätsoase.

Mit ihrem Projekt Waldmeisterin möchte Aline Menschen für essbare Wildpflanzen begeistern und über deren Bedeutung für die Biodiversität und das Klima sensibilisieren. Jeden Mittwoch kümmert sie sich ehrenamtlich um die bepflanzten Hochbeete und freut sich über Gespräche. Die Kisten und Pflanzen haben einen Biodiversitäts- und Insektenwert. Diese wurden aus altem Holz eines Seestegs gebaut.

Mit viel Fachwissen zeigt uns Aline, wofür die verschiedenen Pflanzen verwendet werden können. Viele von ihnen umgeben uns im Alltag, ohne dass wir sie bewusst wahrnehmen. Viele kultivierte Gemüse- und Salatsorten wurden im Laufe der Zeit auf einen milderen Geschmack gezüchtet, wodurch teilweise auch Bitterstoffe verloren gingen. Essbare Wildpflanzen weisen häufig noch eine grössere Vielfalt solcher sekundären Pflanzenstoffe auf, von denen einige gesundheitsfördernde Eigenschaften haben können. Während unseres Besuchs konnten wir unter anderem Gierschpesto und eine Fichtenbowle probieren und lernten verschiedene essbare Wildpflanzen wie Nachtkerze und Wegwarte kennen.

Dabei ging es nicht nur ums Essen. Aline zeigte auch auf, welchen Wert vielfältig bepflanzte Flächen für Insekten und die Biodiversität haben können. Das Projekt macht Wissen unmittelbar zugänglich: mitten im öffentlichen Raum, anschaulich und zum Probieren.

Jetzt Cooperative: Ein Laden wird Gemeinschaftsprojekt

Foto: Mascha Theiler

Eine weitere Station war die Jetzt Cooperative. Die Geschichte des Ladens zeigt, wie alternative Eigentums- und Betriebsmodelle im Lebensmittelhandel entstehen können. Der Laden wurde 2016 zunächst als Franchisebetrieb gegründet, geriet jedoch später in finanzielle Schwierigkeiten. Ein ehemaliger Kunde gab daraufhin seinen bisherigen Beruf auf, übernahm den Betrieb und führte ihn zunächst als GmbH weiter. Später wurde daraus eine Genossenschaft.

Mit der neuen Trägerschaft konnte auch die zuvor weggefallene 50-Prozent-Stelle wieder geschaffen werden. Heute engagieren sich rund 50 Genossenschaftsmitglieder ehrenamtlich im Betrieb. Künftig soll der Laden für sie zudem rund um die Uhr zugänglich sein. Das Sortiment ist bewusst ausgewählt und stark regional ausgerichtet.

Batavia: Klein bleiben kann auch eine Stärke sein

Foto: Mascha Theiler

Der Bioladen Bataviazeigte uns eine weitere Perspektive auf die lokale Lebensmittelversorgung.

Der kleine Laden wird von zwei Personen betrieben und befindet sich seit acht Jahren am heutigen Standort. Die kleine Struktur ist dabei kein Defizit, sondern Teil des funktionierenden Modells.

Batavia arbeitet mit verschiedenen lokalen Produzent:innen und Projekten zusammen. Auch auf dem 20x20-Acker auf der Gurzelen wird experimentiert, beispielsweise mit Getreide, Linsen und alten Sorten. Aus 5 Aren ergeben sich für den Laden 24 kg Roggen, 60 kg Mehl und 40 kg Fusilli.

Die Station zeigte, welche wichtige Rolle kleine Läden in einem regionalen Ernährungssystem übernehmen können: Sie sind nicht nur Verkaufsorte, sondern können Beziehungen zwischen Produktion, Verarbeitung und Konsum aufbauen und sichtbar machen.

Konfimaa: Lebensmittel retten, verarbeiten und persönlich verteilen

Foto: Mascha Theiler

Zum Abschluss lernten wir den Konfimaa kennen.

Seit vielen Jahren verarbeitet er Früchte zu Aufstrichen. Oft stammen sie aus der Nachernte: von Feldern, Bäumen oder privaten Gärten, wo die verbleibenden Früchte sonst nicht mehr geerntet würden. Inzwischen wird er regelmässig direkt kontaktiert, wenn irgendwo Früchte übrig bleiben. Zentral dabei ist das Vertrauen, welches er mit seinen Stammkund:innen aufgebaut hat. Mit einem Strahlen erzählt er vom Pflücken von Früchten in den tollsten Gärten – ein Traumjob für ihn.

Produziert wird bewusst im kleinen Rahmen. Ihm ist wichtig, dass die Früchte im fertigen Produkt tatsächlich im Zentrum stehen. Deshalb verwendet er deutlich weniger Zucker als bei klassischen Konfitüren üblich (und darf es deshalb nicht Konfitüre nennen, sondern Fruchtaufstrich).

Auch beim Vertrieb setzt Konfimaa auf persönliche und lokale Beziehungen. Die Fruchtaufstriche werden über ein Abomodell, kleine Läden und direkte Lieferungen verkauft. Alle Gläser kosten 8 Franken, je nach Aufwand und Rohstoff ist das Glas entsprechend grösser oder kleiner.

Gläser werden wiederverwendet und die Etiketten aus normalem Papier mit Milch aufgeklebt, damit sie sich einfach ablösen lassen.

Trotz grosser Leidenschaft ist es bisher nicht gelungen, vollständig von der Arbeit zu leben. Gleichzeitig entstehen aus der lokalen Vernetzung immer wieder neue Kooperationen, etwa mit einer Sauerteigbäckerei in der Nachbarschaft.

Im Gespräch entstand deshalb auch die Frage, welche Infrastrukturen gemeinsam genutzt werden könnten. Könnten Produkte mehrerer kleiner Produzent:innen gemeinsam ausgeliefert werden? Wie könnte eine gebündelte lokale Distribution aussehen - bspw.  durch Nutzung eines gemeinsamen FoodHub?

Was nehmen wir aus Biel mit?

Unsere Feldreise zeigte eine Food-Szene, die nicht durch ein einziges Leuchtturmprojekt geprägt ist, sondern durch viele kleine Verbindungen.

Dabei begegneten uns auch immer wieder ähnliche Herausforderungen: Viele Projekte funktionieren dank enormem persönlichem Engagement und ehrenamtlicher Arbeit. Gleichzeitig fehlen teilweise finanzielle Mittel, langfristige Abnahmegarantien, gemeinsame Infrastruktur oder effiziente Distributionswege.

Gerade darin liegt aber auch viel Potenzial für die weitere Zusammenarbeit.

Wie können mehrere kleine Projekte Ressourcen gemeinsam nutzen? Wie schaffen wir verlässlichere Absatzmöglichkeiten für lokale Produzent:innen? Welche Infrastrukturen müssen nicht alle selbst besitzen? Und wie können lokale Plattformen dabei helfen, die vielen vorhandenen Initiativen stärker miteinander zu verbinden?

Die erste Feldreise hat keine abschliessenden Antworten auf diese Fragen geliefert. Dafür hat sie etwas mindestens ebenso Wichtiges ermöglicht: konkrete und inspirierende Beispiele kennenzulernen und Erfahrungen auszutauschen.

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