Von der Wertschöpfung zur Wertschätzung: Wie sieht die nachhaltige Proteinversorgung der Schweiz aus?
Wie können wir die Schweiz künftig nachhaltig mit Protein versorgen? Welche Rolle spielen pflanzliche Proteinquellen und eine standortangepasste, graslandbasierte Tierhaltung für die Ernährung der Zukunft?
Diesen Fragen ging der Bärner FoodTalk am Netzwerkanlass des Bio-Märits am 4. September auf dem Bundesplatz nach.
Nach dem Grusswort von Melanie Mettler, Gemeinderätin der Stadt Bern , diskutierten Prof. Dr. Matthias Meier, Dozent für nachhaltige Lebensmittelwirtschaft an der BFH-HAFL, Janine Braun, Doktorandin im Bereich Graslandmanagement und Wiederkäuersysteme an der BFH-HAFL, und Hans-Ulrich Held, Präsident und Vorsitzender der Geschäftsleitung der Biofarm Genossenschaft. Moderiert wurde das Gespräch von Prof. Dr. Evelyn Markoni, Dozentin für Ernährungssoziologie an der BFH-HAFL.
Beim anschliessenden Netzwerk-Apéro griff der RegioFood Hub die Diskussion auf. Grundlage bildete eine Kurzumfrage, die wir im Vorfeld des Bärner Bio-Märits durchgeführt hatten. An drei Posten machten wir sichtbar, welche Angebote und Bedürfnisse bereits im Netzwerk vorhanden sind, welche Herausforderungen die Akteur:innen beschäftigen und welche bestehenden Ansätze als Inspiration dienen können.
Es gibt nicht “die eine” Lösung für alle Regionen
Foto: Mascha Theiler
Eine zentrale Botschaft des FoodTalks war: Eine nachhaltige Proteinversorgung wird nicht überall gleich aussehen können.
Matthias Meier und Janine Braun betonten, wie wichtig es ist, die natürlichen Voraussetzungen der jeweiligen Regionen mitzudenken. Ackerland ist begrenzt und gerade in Berggebieten können nicht so einfach Hülsenfrüchte oder andere Ackerkulturen angebaut werden.
Die Frage lautet deshalb nicht einfach pauschal «pflanzlich oder tierisch?», sondern vielmehr: Welche Form der Produktion ist an welchem Ort sinnvoll?
Für eine nachhaltige Proteinversorgung braucht es weiterhin sowohl pflanzliche als auch tierische Proteine. Gleichzeitig müsse sich, so Matthias Meier, unser Konsum deutlich verändern. Tierische Proteine sollten insgesamt eine kleinere Rolle spielen insbesondere dort, wo für ihre Produktion Ackerflächen beansprucht werden, auf denen auch Lebensmittel für Menschen angebaut werden könnten. Er sprach in diesem Zusammenhang davon, den Anteil tierischer Produkte auf Ackerflächen deutlich zu reduzieren von heute rund 60 auf etwa 20 Prozent.
Damit rückt auch die Frage der Nahrungskonkurrenz zwischen Mensch und Tier ins Zentrum. Tiere sollten möglichst Ressourcen nutzen, die für die menschliche Ernährung nicht direkt nutzbar sind. Auch der heutige Konsum von Schweinefleisch wurde in diesem Zusammenhang kritisch diskutiert, da Schweine stärker auf Futtermittel angewiesen sind, die grundsätzlich auch für den menschlichen Konsum geeignet wären.
Foto: Mascha Theiler
Auch innerhalb der Tierhaltung gibt es Potenzial für Veränderungen
Janine Braun sprach etwa die Aufzucht von Kälbern an. Werden Kälber früh geschlachtet, während gleichzeitig Fleisch importiert wird, stellt sich die Frage, ob vorhandene Ressourcen sinnvoll genutzt werden.
Als möglichen Ansatz nannte sie Systeme mit Ammenkühen, bei denen Kälber weiter aufgezogen werden. Mit einem augenzwinkernden Vergleich brachte sie den Gedanken auf den Punkt: So wie Kinder heute selbstverständlich ausserhalb der eigenen Familie betreut werden können, könnte auch die Kälberaufzucht stärker gemeinschaftlich gedacht werden.
Auf der pflanzlichen Seite zeigte sich eine andere Herausforderung.
Bei Hülsenfrüchten wäre die Produktion bereit, der Markt jedoch noch nicht
Hans-Ulrich Held machte deutlich, dass Biofarm grundsätzlich bereit wäre, mehr Hülsenfrüchte anzubieten. Hinter der Genossenschaft stehen rund 1'200 Produzierende. Doch die Rahmenbedingungen seien anspruchsvoll.
Schweizer Hülsenfrüchte stehen preislich in Konkurrenz zu deutlich günstigeren Importprodukten. Gleichzeitig besteht bei Hülsenfrüchten kein entsprechender Zollschutz. Um konkurrenzfähiger zu werden, müsse deshalb auch die heimische Wertschöpfungskette professioneller und effizienter werden und die entsprechenden politischen Rahmenbedingungen geschaffen werden.
Bereits in unserer Kurzumfrage im Vorfeld wurde die fehlende Zahlungsbereitschaft mehrfach als Herausforderung genannt. Produzent:innen erleben, dass zwar häufig über nachhaltige und regionale Lebensmittel gesprochen wird, die Bereitschaft, dafür einen höheren Preis zu bezahlen, aber begrenzt bleibt. Gleichzeitig fehlen für manche Bio-Produkte geeignete regionale Absatzkanäle.
Beim Netzwerk-Apéro wurde deshalb nicht nur über Produktion, sondern auch intensiv über Konsum gesprochen. Der Preis ist dabei nur ein Teil der Geschichte. Auch Attraktivität, Gewohnheiten und Narrative beeinflussen, was auf unseren Tellern landet.
Hans-Ulrich Held verwies darauf, dass Hülsenfrüchte teilweise noch mit überholten Vorstellungen verbunden sind, etwa als «Arme-Leute-Essen». Wenn der Konsum steigen soll, reicht es deshalb nicht, mehr Hülsenfrüchte anzubauen. Sie müssen auch attraktiv angeboten, verarbeitet, gekocht und kommuniziert werden.
Wenn regionale Lebensmittel langfristig eine Chance haben sollen, braucht es neben wirtschaftlicher Wertschöpfung auch ein besseres Verständnis dafür, wie und unter welchen Bedingungen Lebensmittel entstehen und welchen Wert regionale Produktion schafft. Themen, die wir beim RegioFood Hub aktiv bearbeiten.
Nebst Trockenheit und Wetterereignissen wurden fehlende Absatz- und Zahlungsbereitschaft sowie fehlende Rahmenbedingungen wie Zollgebühren auf Importware als Herausforderungen genannt. Foto: Mascha Theiler
Wissen, was hinter unseren Lebensmitteln steckt
Damit verbunden ist auch die Frage nach Bildung. Janine Braun betonte, wie wichtig es sei, besser zu verstehen, was hinter unseren Lebensmitteln und ihrer Produktion steckt. Welche Flächen werden benötigt? Welche Ressourcen können Tiere nutzen? Was bedeutet ein bestimmtes Produktionssystem für einen Landwirtschaftsbetrieb? Und weshalb kostet ein Schweizer Produkt mehr als ein Importprodukt?
Mehr Wissen allein verändert zwar noch keine Konsumgewohnheiten. Es kann aber dazu beitragen, den Wert von Lebensmitteln besser einzuordnen und Kaufentscheidungen bewusster zu treffen. Die Verantwortung dem Individuum zuzuschieben ist jedoch zu kurz gedacht.
Wirtschaftlichkeit und politische Rahmenbedingungen
Die wirtschaftlichen Anreize sind nicht überall gleich. Im Austausch wurde festgehalten, dass die Wertschöpfung bei tierischen Produkten derzeit vielfach höher ist. Dazu kommen etablierte Absatzkanäle und eine grössere Planbarkeit.
Hans-Ulrich Held brachte in diesem Zusammenhang auch die Rolle der Politik ins Spiel: Wohin fliessen Direktzahlungen und welche Produktionsformen werden durch die heutigen Rahmenbedingungen unterstützt?
Wenn sich Ernährungssysteme verändern sollen, müssen deshalb neben Produktion und Konsum auch die wirtschaftlichen und politischen Anreize mitgedacht werden.
Viele Bausteine sind bereits vorhanden
Foto: Mascha Theiler
Beim Netzwerk-Apéro wurde gleichzeitig sichtbar, dass viele Ressourcen und Ansätze bereits vorhanden sind.
Die Coworking Küche Bern, ein Angebot des RegioFood Hubs bietet Landwirtschaftsbetrieben beispielsweise Infrastruktur für Verarbeitung, Testläufe und die Veredelung von Überschüssen.
Der Biohof Grossegg bietet unter anderem Vertrieb und Logistik für regionale Betriebe sowie einen Verarbeitungsraum und eine Hofmolkerei zur Mitbenutzung an. Gleichzeitig sucht der Betrieb weitere Absatzkanäle und Partnerschaften für Bio-Lebensmittel.
Andere Beispiele zeigen, wie regionale Wertschöpfung bereits heute gestärkt werden kann. Der Biohof Heimenhaus verbindet seit Jahrzehnten Produktion, Verarbeitung und Direktvermarktung. Überschüsse werden weiterverarbeitet und unter anderem zu Pestos, Chutneys, Dörrprodukten, Suppen oder Tomatensugo veredelt.
Beim Betriebscoaching «Büürin zu Buur» wiederum wird praktisches Wissen direkt zwischen Landwirtschaftsbetrieben weitergegeben.
Die Ergebnisse der Umfrage können hier eingesehen werden.
Eine nachhaltige Proteinversorgung entsteht entlang der ganzen Wertschöpfungskette
Foto: Mascha Theiler
Der Nachmittag auf dem Bundesplatz hat gezeigt, wie viele Ebenen zusammenkommen, wenn wir über die Proteinversorgung der Zukunft sprechen.
Es geht darum, was unsere Böden und Regionen produzieren können, wie Tiere möglichst wenig mit der menschlichen Ernährung um Ressourcen konkurrieren, wie neue Märkte für pflanzliche Proteine entstehen und wie Verarbeitung und Logistik effizient organisiert werden können. Gleichzeitig geht es um Konsumgewohnheiten, Wertschätzung, Preise und politische Rahmenbedingungen.
Eine nachhaltige Proteinversorgung lässt sich deshalb nicht allein auf dem Feld lösen. Produktion, Verarbeitung, Gastronomie, Handel und Konsum müssen zusammengedacht werden.
Viele Bausteine dafür sind bereits vorhanden. Die Herausforderung liegt häufig darin, daraus tragfähige Verbindungen und Kooperationen entlang regionaler Wertschöpfungsketten zu schaffen.
Wir nehmen die gesammelten Angebote, Bedürfnisse und Herausforderungen in unsere weitere Netzwerkarbeit auf und prüfen, wo konkrete Verbindungen oder Kooperationen angestossen werden können.
Denn für die Proteinversorgung der Zukunft brauchen wir nicht nur neue Produkte, sondern funktionierende Verbindungen vom Feld über die Verarbeitung bis auf den Teller.